Oder warum die Chance der Piratenpartei nicht der Feldzug gegen die Schnüffelsoftware ist
Seit ein paar Wochen ist es amtlich: Unser Staat schnüffelt seinen Bürgern hinterher. Eine Welle der Empörung zieht sich durch die Pressewelt und den Piraten wird allenorts vorgeworfen, wir würden “den Elfmeter in der eigenen Hälfte vergeigen”. Oder so.
Was ist passiert?
Vor 4 Jahren wurde angekündigt, daß es eine irgendwie geartete Online-Überwachung von Computern geben solle, weil die Terroristen ja bösartigerweise verschlüsselte Mails senden würden, die man nicht lesen könne und man damit den terroristischen Anschlägen nicht rechtzeitig vorbeugen könnte.
Wir haben gelacht und gerätselt, wie man die Terroristen wohl dazu bringen könnte, nur Windows-Rechner zu verwenden und ob man den Bundestrojaner wohl über die ELSTER-Software verteilen würde, weil sie ja sicher auch brav ihre Steuererklärung abgeben oder ob ein HOCHWICHTIGES Mail vom BKA versendet würde und daß Blackberries offensichtlich noch unbekannte Gebilde sind.
Vielleicht würde man den Trojaner auch als Windows-Update tarnen und vielleicht würde man auch die Antiviren-Hersteller dazu verdonnern, nix dagegen zu tun.
Über diese Möglichkeiten von Screenshots, Einklinken in webcam, Hochladen von Dateien haben wir auch geredet und wie man das anstellen wolle, daß das keiner merkt, daß sein “Internet plötzlich so langsam ist”.
Die Kollegen meinten, die meisten DAUs bekommen ja auch so nicht mit, wenn ein Virus auf dem PC ist und massenhaft SPAM-Mails versendet, warum denn hier.
Wie man mit so einer Schrotflinten-Methode etwas Relevantes herausfinden wolle, war zwar auch unklar, aber who cares. Man nimmt halt, was man kriegen kann. War ja früher hier nicht anders.
Nun ja, so ähnlich ist es jetzt gekommen: Es gibt einen “Staatstrojaner”, der nur auf Windos 32bit läuft. die 64bit Variante ist in Arbeit. Smartphones sind noch unbekannte Gebilde.
Das Ding wurde föllig unauffällig als System-DLL ins Windows-Verzeichnis gespielt.
Es kann Screenshots anfertigen, Webcams steuern, Dateien auf den PC kopieren und hat eine Update-Funktion.
Die Virenhersteller erkennen das Ding noch nicht aufgrund mangelnder Verbreitung; die Pattern sind wohl noch zu unspezifisch. Diese böse DLL, deren Namen ja nun herumging, wird jetzt aber selbstverständlich als Virus gebrandmarkt. So hab ichs zumindest verstanden.
(Was ich nicht verstanden habe: Offenbar läßt sich dieses hochwertige Stück Software bislang nur persönlich auf dem auszuspionierenden Rechner unterbringen. Nix mit ELSTER-Update oder so. WENN IRGENDEIN TYP MIT MEINEM NOTEBOOK HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN IRGENDWAS MACHT, dann wäre das erste, was ich täte, das Teil von vorn bis hinten durchzuchecken, was da passiert ist und mir dazu noch Hilfe zu holen. Da fehlt mir irgendwie ein Teil in der Berichterstattung.
Naja, vermutlich wird jetzt aber jedes Gerät, was vom Zoll am Flughafen “mal eben besonders kontrolliert werden muß” gleich zum CCC eingeschickt werden.)
So aber nun haben wir den Bundestrojaner - und es regt sich keiner auf.
Kollegen, Verwandte, Freunde sagen: “Ja was hast du denn erwartet? Was möglich ist, wird gemacht, war doch früher nicht anders.”
“Früher” - das war hier die allgegenwärtige Stasi. Jeder hat gewußt, daß Telefonanrufe mitgehört, Pakete geöffnet, Briefe gelesen, Gespräche belauscht werden. Man konnte es nicht ändern und hat sich halt entsprechend vorsichtig verhalten.
Jetzt - wird ebenfalls abgehört, gescannt, was weiß ich noch. Der Unterschied, den ich keinesfalls kleinreden möchte: man kann ungestraft darüber reden, Zeitungen sind voll davon, Strafanzeigen werden gestellt. Es ist eben doch nicht “ganz so wie früher”.
Was aber geblieben ist - und das stimmt mich viel besorgter, als die ganze Aufregung um diesen #bundestrojaner: Die Menschen haben genau so eine schlechte Meinung von der Regierung wie “früher”. Mindestens genauso schlecht.
Auf meinem Schreibtisch stehen zwei Fotos. Meine Tante schaut mir nachdenklich und etwas resigniert zu. Sie ist 2003 gestorben und hat immer wieder gesagt: “Die neue Regierung ist viel schlimmer als die alte, glaub denen janichts.”
Die regierenden Politiker haben so vollkommen dermaßen jegliche Maßstäbe für Redlichkeit, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit verspielt, daß viele jetzt einfach genauso handeln - also nehmen was man kriegen kann, ob auf ehrliche Weise oder nicht, egal. Und weitere viele Menschen sind einfach resigniert und sagen: “ihr ändert ja doch nichts, wartet nur, in ein paar Jahren seid ihr genauso wie alle anderen”.
Dann frag ich mich doch manchmal, ob der Berg Unrat, der vor uns liegt, auch überhaupt etwas angekratzt werden kann.
Dann gibt es aber auch die Menschen, von denen ich viele bei den letzten Stammtischen getroffen habe: Leute, die gesagt haben”Endlich! Endlich gibt es wieder ein paar ehrliche Menschen, die hier tatsächlich etwas ändern wollen” “Ihr schafft das, laßt euch bloß nicht kleinreden” “Wir brauchen kein Gerede, das machen die anderen schon genug, wir brauchen Ehrlichkeit” “Antworten haben die anderen auch nicht, die reden bloß und machen nichts”
Auf dem anderen Foto ist mein Vater und schaut so, wie er immer war: optimistisch, heiter, zuversichtlich. “Du machst das schon” würde er wahrscheinlich sagen.
Nun denn. Vielleicht schaffen wir es ja wirklich, mit 17.000 Menschen hier etwas zu bewegen und zu verbessern. Das ist unsere eigentliche und wohl auch einzige Chance.
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