Mach Dich nackig

von: Irmgard 2. Juni 2011

Wie hoch ist Ihr Nettoeinkommen sowie das aller Mitglieder Ihres Haushaltes?

Wenn Dich das ein wildfremder Mensch fragen würde und Du außerdem wüßtest, daß er das in irgendeine Datenbank tippt, wo Du nicht weißt, wer das alles liest - was würdest Du tun?

Ihn abtreten lassen? Tja, Fehlanzeige. Damit machtest Du Dich strafbar.

Den meisten vermutlich unbekannt, hat unsere demokratische Regierung in ihrer untergründlichen Weisheit beschlossen, daß sie aber nun wirklich alles über ihre Untertanen wissen will.

Nicht nur, wieviel Klos und Badewannen und Kinder und Lebensgefährten man in seiner Wohnung hat - nein, was und wieviel und warum man arbeitet oder auch nicht - wieviel man verdient (wie oben schon erwähnt) und woher das Geld kommt, ob man gerne arbeiten würde oder wenn nein, warum nicht, ob man Deutscher ist und wie lange man schon hier wohnt, wo die Eltern, Kinder und Ehepartner leben - und all das wohlgemerkt, nicht nur für einen persönlich, sondern für alle Angehörigen des Haushaltes, ob sie wollen oder nicht.

Wer jetzt denkt, ich müsse doch wohl fantasieren, das wäre doch nicht möglich in einem Land, wo jeder Betrieb gesetzlich verpflichtet ist, einen Datenschutzbeauftragten zu beschäftigen, der über die personengebundenen Daten der Mitarbeiter wacht - der möge sich mal mit den so harmlos klingenden Wort

Mikrozensus

beschäftigen.

Nein, das ist nicht die kleinere Variante des Zensus, gegen den sich gerade die Menschen wehren.
Dieser Zensus-Fragebogen enthält 46 Fragen.

Wer das große Los gezogen hat, obwohl er gar nicht mitspielen wollte,  bekommt einen Fragebogen mit 156 Fragen. In Worten: Einhundertundsechsundfünfzig. 50 A4-Seiten.

Allein auf einer halben A4-Seite werden alle Gesetze und Verordnungen aufgelistet, nach denen man verpflichtet ist, an dieser Selbstentblößung teilzunehmen.

Man fällt erst mal mit der Tür ins Haus:

Mikrozensus-Fragen

Nicht, daß sich da heimlich irgendwo noch ein Haushalt verbirgt, von dem weder das Bauamt noch das Einwohnermeldeamt etwas wissen.

Mit Frage 2 werden die eventuell Betroffenen dann auch gleich richtig eingestimmt.

Jeder muß mitmachen:

Alle müssen diese Fragen beantworten

Also alles klar: Alle schreiben ihren Namen auf den Fragebogen und erklären gefälligst auch, wie sie mit dem Hauptgewinner verwandt, verschwägert, versippt oder sonstwie verbandelt sind.

Jeder wählt sich eine Spalte und achtet fein säuberlich darauf, daß er bei der Beantwortung der übrigen 155 Fragen nicht darin verrutscht - und plötzlich der Opa der Kindergeldempfänger ist und das Baby den Hochschulabschluß hat.

Großfamilien müssen weitere Fragebögen anfordern.

Was bist Du und jobbst Du nebenbei?

Zu diesen ganzen Fragen folgen immer wieder weitere Fragen, welche diese Antworten verifizieren sollen.

Wieviel Drückeberger gibt es hier und warum?

Mikrozensus-Fragen

Frage 24 ist allerdings freiwillig. Man darf es für sich behalten, wie lange man krank ist.

Alles über den Arbeitgeber

Mikrozensus-Fragen

Also nicht nur die Leute werden befragt, sondern so ganz nebenher wird alles mögliche über Firmen, Behörden, sonstige Arbeitgeber in Deutschland gesammelt.

Stimmt die Anzahl der gemeldeten Arbeitnehmer, wo arbeiten Ausländer, sind die auch alle gemeldet,  werden alle Beiträge abgeführt, werden zuviel Überstunden gemacht - genügend Arbeitsbeschaffung für Zoll, Finanzämter, Krankenkassen, Berufsgenossenschaften.

Jetzt wills mans aber nochmal wissen

Mikrozensus-Fragen

Auch wenn Frage 24 freiwillig war, jetzt kommt man nicht raus: Warum arbeitest Du nicht bzw. zu wenig?!

Und wer jobbt hier nebenher / schwarz??

Mikrozensus-Fragen

Da ist doch bestimmt nochwas zu holen - vielleicht noch Arbeitslosenknete abfassen und neberher jobben, jaja.

Vorsichtshalber auch gleich die Frage nach potentieller zukünftiger Nebentätigkeit:

Mikrozensus-Fragen

Jetzt wird es zweideutig

Mikrozensus-Fragen

Ich würd diese Frage als Beleidigung auffassen.

Es wird immer absurder

Mikrozensus-Fragen

Ich kenne jemand, der ratlos und empört vor diesem Fragebogen sitzt. Diese Person ist seit 15 Jahren in Rente. Welche Relevanz für eine wie auch immer geartete Arbeitamarktpolitik, für die das ja angeblich dient, soll der Name einer Einrichtung haben, die schon längst “abgewickelt” wurde, sowie die Bezeichnung eines Berufes, der heute ein ganz anderes Aufgabenfeld hat als damals?

Gehen Sie zurück auf Los

Wer nicht arbeitet, muß nochmal eindringlichst befragt werden:

Mikrozensus-Fragen

Klingt für mich so wie “Wer im Land der 3 Millionen Arbeitslosen keine Arbeit hat, ist selber schuld.”

Aber vielleicht verstehe ich das ja auch nur ganz falsch. Es gibt leider keine Erläuterungen zu den Fragen.

Jetzt wird es ganz persönlich:

Mikrozensus-Fragen

Mikrozensus-Fragen

142 ist die Kontrollfrage, ob man bei den Einzelangaben auch nicht geschummelt hat.

Mikrozensus-Fragen

Ich mein, das muß man sich mal überlegen. Oft genug dürfte man den Menschen kennen, der einem diese Fragen stellt - kommt ja aus dem selben Ort. Dem legt man dann so seine finanziellen Verhältnisse dar? Macht ja nichts, die sind ja zur Geheimhaltung verpflichtet, oder wie?

Als Interviewer haben sich gern auch Versicherungsvertreter gemeldet. Sehr praktisch, dann kommt man beim nächsten Besuch gleich das passende Versicherungsrundumpaket verkauft. Die NPD hat ihre Mitglieder dazu aufgerufen, sich als Befrager zu melden.

Vor allen Dingen praktisch bei dem Zensus-Fragebogen - da weiß man dann gleich, wo die Ausländer und Moslems wohnen.

So am Rande: erinnert sich noch jemand an Hünxe und an Solingen? Sorry, das fällt mir so als erstes dazu ein…

Hier gibt es den kompletten Mikrozensus-Fragebogen

Leute ich verstehs nicht

Vor ein paar Monaten hat man die Sau “Streetview” durchs Dorf getrieben. Was haben sich die Leute da nicht aufgeregt: Die Hausfassade ist schützenswertestes Gut überhaupt und das ist doch ganz privat und - ahhh das böse Google spioniert hier alles aus und das gehört verboten, jawoll!

Angeblich würden die Menschen hierzuland ja sowieso alles bei facebook veröffentlichen oder in die Welt twittern - nur mit dem feinen Unterschied, daß sie dort vielleicht über Lieblingsfilme schreiben oder zu ner Party einladen - und nicht ihre  kompletten Lebensverhältnisse sowie die der ganzen Familie dort veröffentlichen. Und daß sie es dort freiwillig tun und nicht per Gesetz dazu gezwungen werden.

Jetzt werden zum Zensus mit den Fragen zu Religion und Weltanschaung 10 Prozent aller Einwohner befragt und mit diesem “Mikrozensus” wird 1 Prozent der Bevölkerung beglückt - also 800.000 Menschen.
Da regt sich jetzt keiner auf oder wie?

Es gibt zwei Möglichkeiten der Erklärung:

1. Den meisten ist es wirklich egal

2. Die Medien sind dermaßen staatstreu, daß über Proteste nicht berichtet wird, Leserbriefe nicht veröffentlicht werden, gegenteilige Meinungen nicht gesagt und geschrieben werden.

Ich weiß noch nicht, was davon trauriger ist.

Was kann man tun?

Nicht ganz so viel, wie man vielleicht möchte. Das kann sich zu einem Kampf gegen Windmühlenflügel auswachsen.

Der AK Vorrat gibt hilfreiche Tips.

Und man kann natürlich die Piraten wählen:

Gläserner Saat statt gläserner Bürger

Ein Kommentar zu “Mach Dich nackig”

  • flexi schrub am 3. Juni 2011 um 01:27 Uhr

    Das ist so gruselig, wie ein verfassungsmäßig garantiertes Recht einfach gebrochen wird.
    Im Osten hat man die Stasi schon einmal davongejagt.
    Ob das wohl nochmal gelingt?

my 2 cents